Leichen mit offener Hose
Er wollte nur mal kurz nach hinten. Dann war er weg. Beim
"Pinkeln" über Bord in die Ostsee gefallen. Wenig später
wird der tote Segler an den Strand angespült, der offene
Hosenschlitz macht Spekulationen über die Todesursache
überflüssig. "Es kommt immer wieder vor, dass männliche
Leichen mit heruntergelassener Hose oder offenem Schlitz an
den Küsten gefunden werden", sagt Ingo Ohrt von der
Wasserschutzpolizei in Kiel.
"Peinliche" Unglücksfälle
Unter Seglern kursiert der Satz, dass mehr Leute beim
Pinkeln über Bord gehen als bei schwierigen Segel-Manövern.
Und das oft auch noch mit tödlichem Ausgang. Genaue Zahlen
gibt es nicht. Denn Pinkel-Unfälle werden, wenn nicht völlig
verschwiegen, so doch meistens verschleiert und amtlich
umdeklariert.
Komplizierter Balanceakt
Auf Anhieb lässt sich das Problem nicht ohne weiteres
nachvollziehen: Was Landratten auf festem Boden wie im
Schlaf erledigen, soll auf See zur Zirkusnummer werden? Nun,
wenn Männer über die Reling pinkeln, handelt es sich um
einen hochkomplizierten Balanceakt. Um der brusthohen
Segel-Latzhose den Weg nach unten frei zu machen, entledigt
sich der von seiner Not Getriebene zunächst einmal seiner
Schwimmweste - und das Malheur beginnt.
Entspannt von den Beinen geholt
Öljacke auf, Hosenträger los und die sperrige Hose auf die
Knie runterzerren. Und dann das Schwierigste: Muskel
entspannen, um überhaupt Pinkeln zu können. Hat man es dann
endlich geschafft, sich locker zumachen, "knallt das Schiff
garantiert in eine Welle, so dass man eine ordentliche kalte
Dusche abbekommt und ins Wanken gerät", berichtet ein
Jollenbesitzer. Bei schwerer See kann es gar passieren, dass
ein Brecher den Seemann von den Beinen holt und ihn wie eine
Puppe durch die Luft schleudert.
Tödlicher Leichtsinn
Klar ist: Wer in diesem Zustand, ohne Schwimmweste, mit
heruntergelassenen Hosen und ohne sichernde Hand auf der
schaukelnden Schiffskante unterwegs ist, handelt ungefähr so
irrsinnig wie einer, der sich mit Badelatschen aufs
Matterhorn wagt. Dennoch ziehen ausgerechnet die alten Hasen
den bequemen Weg an der Reling vor.
Wettlauf gegen die Zeit
Ist der Mann erstmal über Bord gegangen läuft ein
gnadenloser Countdown. Als tödlich erweist sich häufig die
unterschätzte Wassertemperatur von Ost- und Nordsee, die zu
Beginn der Segelsaison gern bei unter zehn Grad liegt.
Faustregel: Pro Grad Celsius über Null überlebt ein Mensch
etwa drei Minuten. So wird das Rettungsmanöver zum Rennen
gegen die Zeit. Wird es eingeleitet, hat sich das Boot oft
schon so weit entfernt, dass ein Kopf in bewegter See, bei
schlechter Sicht oder womöglich bei Dunkelheit nicht
leichter zu finden ist als die Stecknadel im Heuhaufen. Ja,
selbst bei guter Sicht lässt sich der Kopf eines Schwimmers
zwischen den Wellen allenfalls bis zu einer Distanz von 20
bis 30 Metern ausmachen.
Starke Sprüche ohne Vernunft
Trotz alledem: Über das Thema "Pinkeln an Bord" zu
diskutieren, halten die meisten Wassersportler nach wie vor
für imageschädigend. "Eimersitzer" gelten konsequenterweise
als die Warmduscher unter den Seglern. "Unmännlich", urteilt
ein Segler barsch - "das machen nur unsere Frauen."